Lehm als Baustoff hat eine lange Geschichte
Tausende Jahre alt, aber hoch modern, fast überall auf unserer Erde vorhanden, vielfältig verwendbar, nachhaltig gesund und archaisch schön - so ist Lehm.
Spuren im Lehm
Als Gemenge aus Ton, Sand und färbenden Mineralien hat er einen unendlichen Weg aus dem Inneren der Erde über lange Zeiten der Zersetzung hinter sich, bevor er als Baustoff zur kulturellen Anwendung kommt. Zum Greifen nah findet sich Lehm fast überall auf der Erde. Als Verwitterungsprodukt liegt er in der Regel in den obersten Erdschichten und lässt sich im Tagebau einfach gewinnen. Deshalb bauen viele Kulturen ihre Behausungen schon seit Jahrhunderten mit Lehm. Es gilt aber, nicht nur von ungeteilter Freude und Nützlichkeit des Naturbaustoffes Lehm zu berichten. In den Industrieländern erfuhr er Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine solche Geringschätzung, dass Lehmbau völlig zum Erliegen kam. Arme-Leute-Baustoff sei er, Grundlage für Schimmel und hoch hinaus beim Turmbau zu „Babel“ kommt man eben auch nicht. Man vergaß des Lehms Vorzüge, bis „moderne“ Bauweisen unter Zuhilfenahme von Gips, Zement und Kunstharzen ein Lebensklima in Innenräumen schufen, welches vergleichbar ist mit dem in einer Plastiktüte.
Zweifacher Lehmputz ohne Anstrich
So begann das Trachten nach lebenswerten Räumen ohne muffige oder zu trockener Luft, nach natürlichen Oberflächen und Schadstofffreiheit. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckten einige Pioniere die Vorzüge der alten Lehmkaten, die der „fortschrittliche“ Bau wohl übersehen hatte. Nach und nach erschlossen die ersten Lehmbauer den alten Baustoff neu und entwickelten in den Folgejahren völlig neue Produkte. Es erstand ein moderner Baustoff mit vielen Gesichtern. Mittlerweile hüten sich Skeptiker, vielleicht aus Angst unmodern zu gelten, den Lehm als minderwertig zu bezeichnen.
Ein kleines Kapitel Bauphysik
Schon ist man dabei, die Vorzüge des Lehms zu benennen. Wie Feuchte regulierend und Wärme speichernd mit Lehm verputzte Räume wirken können, ist vielen Menschen wieder bekannt. Die Mischung aus Tonerden und Sanden (eventuell mit Stroh, Holz oder Hanf vermengt) macht eine schnelle Feuchteaufnahme möglich. Zu einem guten Klima ist aber auch notwendig, dass Lehmputze Zeit bekommen, die aufgenommenen Wassertröpfchen wieder abgeben zu können. Je dicker die Lehmschicht, je toniger die Mischung, um so mehr Wasserdampf wird aufgenommen. Aber dauerhaft feuchte Luft sorgt auch in Lehmhäusern für Schimmelbildung und andere Unleidlichkeiten. Deshalb unser Hinweis: Sorgen Sie für trockene Perioden und Luftaustausch in allen Räumen. Ungeheizte, feuchte Keller z.B. lassen sich nicht durch Lehm in trockene Räume verwandeln. Des weiteren bindet Lehm Gerüche und Luftschadstoffe - in unserer Zeit eine wunderbare Erleichterung. Spürbar wirkt er auch schalldämpfend. Dass die Oberflächen keine elektrostatischen Aufladungen ermöglichen, darf schon nicht mehr überraschen.
Feiner Lehmoberputz ausgerieben
Lehm wirkt wohnlich
Nach Ohren und Nase kommen wir nun zum Auge. Lehmoberflächen entwickeln sich mit guter Mischung aus Ton und Zuschlagsstoffen und handwerklichem Geschick zu wunderschönen natürlichen Strukturen. Unser menschliches Auge, von glatten, zu vielen glänzenden Oberflächen gereizt, erlebt auf Lehm Beruhigendes und Entspannung. Farbige Mischungen von Tonerden und getönte Kalkmilch geben uns zu all dem Guten auch noch vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Menschen mit Lust auf charaktervolle und schöne Räumlichkeiten können sich gut entfalten. Die Zeit des Lehm als ausschließlich brauner Pampe ist lange vorbei. Der Baustoff ist einfach ein Fest für die Sinne.